Geschrieben von Christian Schnettelker

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Wikipedia – das erste Mal

Seit ca. zwei Jahren steht auf meiner ewigen „To do“-Liste der Eintrag, für einen Film, den ich seit meinen Kindertage kenne, einen Wikipedia-Artikel zu verfassen – selbiger fehlte bis dato aus mir nicht ganz verständlichen Gründen. Heute habe ich mir einmal die Zeit genommen, um das Vorhaben endlich zu verwirklichen.

Bis auf die Korrektur kleiner Fehler, die mir beim Lesen bestehender Artikeln auffallen, bin ich bei Wikipedia aus Zeitgründen eher selten aktiv. Auch schreckte mich bisher die Beschäftigung mit der auf den ersten Blick komplizierten Mediawiki-Formatsyntax ehrlich gesagt ab, keine Zeit, Termindruck, keine Muße – Sie kennen das vielleicht.

Um aber nicht nur immer nur zu nehmen, sondern auch mal etwas zurück zu geben, mich an der im Prinzip sinnvollen Wikipedia-Idee zu beteiligen und meinem eigenem Grundsatz, den Worten auch Taten folgen zu lassen, zu genügen, heute also mein erster, selbst erstellter Artikel zum Film „Der Hauptmann und sein Held“ aus dem Jahre 1955.

Amazon und der Held

Obwohl ich den Film gut kenne startete ich zuerst mit einer Recherche im Internet, hier finden sich einige kurze Beschreibungen des Inhalts, die mir aber meist zu oberflächlich erschienen und teilweise sogar völlig falsch sind. So behauptet beispielsweise die Kurzbeschreibung auf Amazon, Zitat:

Im letzten Kriegsjahr meldet sich der junge Paul Kellermann freiwillig zum Dienst. Seiner Freundin Ilse imponiert dieser mutige Entschluss.

Das ist falsch und sinnentstellend geschrieben, im Film meldet sich Paul zwei Jahre vor Ende des Zweiten Weltkrieges, also 1943. Seine Meldung ist auch keineswegs wirklich freiwillig, denn er unterliegt dem Gruppenzwang innerhalb seiner Schulklasse und würde viel lieber Botaniker oder Naturwissenschaftler werden.

Paul ist sowieso alles andere als mutig, er ist zutiefst menschlich, ehrlich und friedlich. Möchte man es negativ formulieren, ist er Anfangs sogar ziemlich feige. Seiner Freundin imponiert das Militär und Pauls Einberufung überhaupt nicht, zumindest kann ich mich an keine Stelle im Film erinnern, wo sie das erkennen lässt.

Und erst die Schlussszene, in denen sich der inzwischen zum Major beförderte Eisenhecker und Protagonist Kellermann wiedersehen, spielt im angegebenem letzten Kriegsjahr 1945 – andernfalls würde der ganze Film ja zeitlich auch gar nicht funktionieren, es sei denn, man verlängert den Zweiten Weltkrieg kurzerhand bis 1947. Also: total daneben!

Aber die falsche Deutung des Films geht bei Amazon noch weiter, man schreibt, Zitat:

Gelassen lässt Paul alles über sich ergehen, denn alle seine Bemühungen enden negativ. Er kann sich anstrengen wie er will, immer macht er alles verkehrt.

Wieder völlig falsch, Paul würde viel lieber andere, sinnvolle Dinge im Leben tun, als zu lernen, wie man Menschen tötet. Daher ist er auch nicht „gelassen“, sondern bestenfalls frustriert und von der Sinnlosigkeit des Wehrdienstes deprimiert.

Er „bemüht“ sich auch nicht oder „strengt sich an“, das klingt, als wäre Paul wie eine Art „Heißkiste“ auf eine Karriere innerhalb der Armee aus. Vielmehr schwimmt er notgedrungen mitsamt seinen Kameraden, die ihm das Leben oft zusätzlich schwer machen, im Strom der Zeit mit.

Er macht weiter nichts wirklich „verkehrt“ sondern handelt wie ein Mensch, wie ein Zivilist, wie es ihm siebzehn Jahre lang zuvor beigebracht wurde. Das ist es, was ihm innerhalb der auf bedingungslose Gehorsamkeit basierenden Wehrmacht große Probleme bereitet.

Paul befolgt sinnlose Befehle, weil es keinen anderen Weg für ihn gibt und sein naturwissenschaftliches und allgemeines Wissen hier nicht gefragt sind. Also, wieder: völlig daneben, setzen, sechs!

Nazi-Rambo

Sie sehen, die oben zitierte Beschreibung ist größtenteils so falsch und konträr zur eigentlichen Botschaft des Filmes – der Mensch, der das geschrieben hat, kann den Film eigentlich gar nicht gesehen haben, konnte ihm intellektuell nicht folgen oder hat nebenbei noch „JAG – Im Auftrag der Ehre“ im Unterschichten-TV geschaut.

Übrigens ist die Filmbeschreibung von CCC-Film, die als PDF im Netz steht, auch nicht viel besser und enthält eingangs beschriebenen „im letzten Kriegsjahr“-Fehler gleich auch noch in Englisch.

Diese falschen und sinnentstellenden Beschreibungen kopiert sich anscheinend im Netz von Seite zu Seite, man schreibt offenbar allzu gerne voneinander ab: Stille Post. Noch ein paar Jahre und eine Generation vom Verblödungsfernsehen verstrahlter Schreiber weiter und aus Paul wird vielleicht so eine Art „Nazi-Rambo“, der seine edle, arische Freundin mit blonden Zöpfen gegen slawische Horden aus dem Osten verteidigen muss – aber mich wundert heute sowieso gar nichts mehr.

Zwischenfazit: die im Netz auffindbaren Filmbeschreibungen waren als Basis für den Artikel allesamt nicht zu gebrauchen, ich entschloss mich – ganz im Sinne von Wikipedia – den Inhalt selber und völlig frei in eigenen Worten wiederzugeben.

Das ist leichter gesagt, als getan, Wikipedia verlangt, dass die Handlung in Form einer sich auf das Wesentliche beschränkenden Zusammenfassung und nicht in Form einer detailreichen Nacherzählung dargestellt werden solle. Um den Sinn des Filmes, die Kritik am Militarismus, nicht untergehen zu lassen, beschrieb ich dabei auch die Rahmenhandlung, also die Geburt von Paul und abschließend die Geburt seiner Tochter.

Damit man die Handlung und Bedeutung des Filmtitels „Der Hauptmann und sein Held“ in der Beschreibung erfassen kann war natürlich auch die Schilderung von Eisenheckers Verachtung alles Zivilen, die zufällig erworbene Blanko-Urkunde für ein EKII als Entschuldigung für die Verspätung und die Vorstellung des vermeintlichen Helden beim General nötig.

Auch die Schlusshandlung im Jahre 1945 trägt den Sinn des Filmes, habe alles soweit als möglich in wenigen Worten zusammengefasst, bitte lesen und urteilen Sie selbst. Bin einmal gespannt, wie andere Autoren und die Leute bei Wikipedia den Text beurteilen und ggf. verändern.

Was bringt mir das?

Wikipedia versucht es, neuen Autoren mittels eines ausführlichen Hinweistextes und passender Vorlagen die Erstellung eines neuen Artikels so einfach wie möglich zu machen, trotzdem ist es, wenn man einen ernsthaften und beständigen Eintrag verfassen möchte, keine Sache, die man mal so nebenbei erledigen kann. Habe insgesamt vier Stunden an dem Text gearbeitet, das bezahlt mir natürlich niemand.

Ein Lohn kann nur darin liegen, einem wie ich finde gelungenem Film eine ihm gebührende Ehre in Form eines guten Wikipedia-Eintrages zu erweisen und die falschen Filmbeschreibungen zu wiederlegen. Ich hoffe, dass ich das erreicht habe. Falls Sie der Meinung sind, dass dem nicht so ist, können Sie sich jederzeit bei Wikipedia anmelden und den Artikel selber verbessern.

Warum dieser Film?

1989/90 hatte ich selber die zweifelhafte „Ehre“, meinen Militärdienst ableisten zu müssen. Zwar kann man die Bundeswehr und die dortige Ausbildung sicher nicht mit dem „Schleifen“ in der Wehmacht vergleichen, trotzdem erinnerte mich das eine oder andere im Film doch an meine damalige Zeit.

In jenen Jahren war mir nicht so recht klar, wo ich gelandet war, wir hatten viel Spaß und eine Menge Bier wurde getrunken, trotzdem ist eine Armee ja letztlich auf Zerstörung und Tod ausgerichtet und dient gewissen Interessen. Damals dachte ich als naiver Jüngling noch, die „westlichen Werte“ zu verteidigen, heute habe ich erkannt, was schon Paul Valéry (1871-1945) wusste:

Der Krieg ist ein Vorgang, bei dem sich Menschen umbringen, die einander nicht kennen, und zwar zum Ruhm und zum Vorteil von Leuten, die einander kennen, aber nicht umbringen.

Mit mir ist ein Krieg jedenfalls nicht mehr zu machen. Wenn Sie Zeit und Muße haben, schauen Sie sich diesen von mir beschriebenen Film doch einmal an.

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