Geschrieben von Christian Schnettelker

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Referenz-Memory

Ich mag die Praxis. Nehmen wir einmal an, Sie sind auf der Suche nach einem Webdesigner für Ihr nächstes Projekt. Eine Google-Suche nach z.B. „Professionelles Webdesign“ oder „Webseite neu gestalten“ wirft Ihnen, neben allgemeinen Informationen, auch zahlreiche Links zu den unterschiedlichsten Agenturen aus, von denen Sie sich ein Bild machen möchten, um letztlich Ihren „Traum-Webdesigner“ zu finden. Wie würden Sie dabei vorgehen?
Webdesign-Referenzen als Memory

Die Sicht der Anderen

Leser, die schon einige Artikel von mir gelesen haben, kennen mein Credo: „Betrachte es immer auch aus der Sicht des jeweils Anderen“, in diesem Falle aus der eines unter Zeit- und Ergebnisdruck stehenden Entscheiders, der sich neben meiner wahrscheinlich noch 20 andere Anbieter ansehen wird. Ich würde mir den Ablauf ungefähr so vorstellen:

  1. Klick auf den Link bei Google, dann der berühmte erste Eindruck: sieht die Startseite irgendwie schrottig, unmodern oder verwirrend aus, funktioniert technisch nicht korrekt oder ist eine Baustellenseite, bin ich ohne weiter Aktion sofort wieder weg.
  2. Die Seite sieht ganz gut aus, ich scrolle kurz durch. Der potentielle Auftraggeber würde dann wahrscheinlich den ersten Absatz auf der Startseite lesen, gefolgt von einigen weiteren Absätzen, die anhand der Zwischenüberschriften interessant klingen. Finde ich zahlreiche Rechtschreibfehler, ein Deutsch auf Unterschichtenniveau, marktschreierische Denglisch-Werbefloskeln oder eine verwirrende Bedienung vor, bin ich weg.
  3. Der Bewerber ist schon einmal interessant, nun möchte ich mir ansehen, was er sonst noch so leistet. Vielleicht hat er sich ja nur bei seiner eigenen Seite Mühe gegeben oder ist der totale Neuling. Finde ich allerdings den Verweis auf die Referenzen nicht innerhalb von ca. 20 Sekunden bin ich wieder weg, für Suchspiele fehlt mir die Zeit. Übrigens, ich würde die Referenzen auch unter „Referenzen“ bzw. „Meine Arbeiten“ oder ähnlichem suchen, bei coolen Denglisch-Begriffen wie „Clients“, „Skills“ oder „Worx“ besteht die Gefahr, dass nicht sofort ersichtlich ist, was gemeint wird. 20 Sekunden sind schnell vorbei.
  4. Auf der Referenzseite gelandet möchte ich eine übersichtliche Darstellung aller oder zumindest der wichtigsten Projekte des Anbieters sehen. Hier erlebe ich allzuoft etwas, was ich nur als „Referenz-Memory“ beschreiben kann und um das sich dieser Artikel dreht. Übrigens, um es einmal vorweg zu nehmen, allermeistens habe ich als Entscheider für ein verwirrendes Memory-Spiel, vielleicht noch mit vermeintlich tollen CSS-Effekten angereichert, weder Zeit und noch Lust.
  5. Gefällt mir die Seite, sind die Referenzen größtenteils so, wie ich es mir wünsche und erfüllt der Webdesigner auch meine sonstigen Voraussetzungen wäre es fantastisch, wenn ich zumindest eine grobe Vorstellung von dem bekäme, was man sich so an Entlohnung vorstellt. Ich weiß, hier scheiden sich die Geister, viele sehen diesen Punkt anders, ich verweise daher auf meinen Artikel „Webdesign-Kosten“ vom letzten August.
  6. Die Agentur gefällt mir, ich nehme Sie in die Liste für eine nachfolgende Anfrage auf.

Ich wette, dieses Vorgehen ist nicht ein persönliches, theoretisches Konstrukt, sondern entspricht recht häufig ungefähr so der Realität im heutigen Arbeitsleben. Korrigieren Sie mich bitte, falls ich mich irre.

Ich möchte ein Spiel spielen…

Die oben genannten Überlegungen scheinen die wenigsten meiner Kollegen anzustellen. Stattdessen nutzt man neuerdings für die Referenzen gerne ein verwirrendes Suchspiel, das sich epidemieartig unter den Webdesignern verbreitet hat: statt möglichst große Screenshots + Kurzbeschreibung + Link zur Seite unter „Referenzen“ zur Verfügung zu stellen sieht man neuerdings eine Reihe von kleinen Kacheln, in denen entweder nur Ausschnitte der dahinterstehenden Webseite oder manchmal auch nur das Kundenlogo zu sehen sind. Auch suboptimal und gerne von Anfängern genutzt: eine einfache Linkliste soll ausreichen.

Mit „schnell einen Überblick verschaffen“ ist also schon mal nix, sind doch sowohl Ausschnitte, Kundenlogos als auch URLs wenig aussagekräftig, wenn es um einen ersten Eindruck von den gestalterischen Fähigkeiten des Bewerbers geht.

Ein Interessent muss also jede Referenz wie in einem Memory-Spiel einzeln anklicken, um dann auf einer Unterseite irgendwo den gesuchten Screenshot + Projektbeschreibung zu finden. Der Aufwand, um an die gewünschte Information zu kommen, wird also durch die „hin- und her- Klickerei“ deutlich erhöht; kontraproduktiv, wenn man nicht ewig Zeit bzw. eine engelsgleiche Geduld hat.

Ganz toll kommt die Klickorgie auch, wenn wir einmal annehmen, unser Entscheider sitzt im Zug vor einem Tablet mit einer nicht ganz so schnellen Internet-Verbindung. Was wird ihm wohl besser gefallen, einmal auf das Laden einer Seite warten oder n-mal die Ladezeit für die jeweilige Unterseite plus die Zeit, die das Tablet für die Wiederherstellung der Memory-Seite benötigt, zu ertragen?

In vielen Fällen geht das Suchspiel auf den Memory-Unterseiten weiter: vielleicht möchte man die reale Webseite öffnen, um sich auch von den weiteren Seiten des Projektes ein Bild zu machen. Aber, wo in der Unterseite mit den vielen Bildern ist denn verflixt noch mal der der Link dazu?

Gerne versteckt man, damit das Referenz-Memory möglichst bombastisch aussieht, auch themenfremde Projekte wie die Gestaltung von Print-Materialien unter den Kacheln, das erhöht die Gefahr, dass der entnervte Interessent weiterklickt, nochmals dramatisch. Tolle Wurst!

Kurzfazit: ich als Suchender würde höchstwahrscheinlich nur in Ausnahmefällen alle Memory-Felder anklicken und so schlimmstenfalls die Top-Referenz an Position #7 gar nicht sehen. All die Mühe war also für den… die Katz, den Auftrag bekommt jemand anderes.

Die Eigenschaft des menschlichen Charakters

Wieder einmal meine berühmte Frage: „Warum machen die Leute das?“. Dazu fallen mir spontan die folgenden Gründe ein:

  • Egozentrik: die Welt dreht sich nur um mich. Ich habe ewig Zeit und weiß, wie meine Seiten funktionieren, dann haben bzw. wissen die anderen das auch.
  • Egomanie: ich möchte zeigen, wie toll ich CSS beherrsche. Ein kompliziertes Referenz-Memory mit spektakulären CSS-Effekten verdeutlicht, was ich alles schönes machen kann.
  • Narzissmus: ich bin so unheimlich gut, man muss sich halt die Zeit dafür nehmen, meine revolutionären Arbeiten genau anzusehen. Wer sich diese Zeit nicht nimmt ist es eben nicht wert, mein Kunde zu sein.
  • Konformitätsdruck: Viele Webdesigner scheinen sich das System von anderen abgeschaut zu haben, ohne selber die grauen Matratzen im Kopf auch nur für fünf Minuten anzuwerfen. Sieht doch cool aus, andere machen das ja auch…

Merken Sie was? Viele denken nicht oder nur an sich selbst und sehen die Welt eben nicht aus der Sicht des Anderen, womit wir wieder bei meinem anfangs erwähnten Credo angekommen sind. Für viele ist das Gehirn, wie schon Aristoteles vermutete, tatsächlich nur ein Apparat zur Kühlung des Blutes.

Gestatten, Kundenabwehr. Was kann ich gegen Sie tun?

Der Vorteil einer Unterseite für jede Referenz wäre, dass ich mich richtig austoben kann: mehrere Screenshots, längere Beschreibungen, mehr Details. Mit einer sprechenden URL und längeren, individuellen Inhalten ist das sogar gut für die Suchmaschinen. Leider entsprechen die wenigsten Memory-Unterseiten, denen ich begegnet bin, diesen Kriterien. Ich wette, die allermeisten Besucher werden den Text zur Referenz gar nicht lesen, im Falle eines Entscheiders urteilt dieser mE zuerst nach der Optik, dann nach den Kosten.

Muss ich unbedingt eine Unterseite haben, ließe sich diese im Falle einer übersichtlichen, schlichten Referenzliste, wie ich sie bevorzuge, ja auch trotzdem realisieren. Vielleicht machen Sie es wie ich und schreiben einen ausführlichen Blog-Artikel über das Projekt und verlinken diesen innerhalb der (kurzen) Projektbeschreibung.

Auf meinen Referenzseiten habe ich, das kommt jetzt sicher nicht überraschend, von solchen kontraproduktiven Methoden der „Kundenabwehr“ Abstand genommen. Aus den von mir realisierten Projekten wurden die interessantesten vorab ausgewählt und ich lasse dann auch sofort „die Hosen runter“, zeige also einen ausreichend großen Screenshot der Startseite. Darauf folgt eine kurzen Projektbeschreibung, in der im ersten Satz ein Link zum Projekt aufgeführt wird, diese Systematik wird für alle Referenzen beibehalten.

Durch einfaches Scrollen sieht man so schnell, ob meine Arbeiten den persönlichen Vorstellungen des Besuchers ungefähr entsprechen, das vereinfacht die Entscheidungsfindung. Wer mehr wissen will oder wem die Screenshots zu klein sind, schaut sich die Seiten komplett über die URL an.

Jeder Jeck ist anders

Klar, jeder Jeck ist anders, wie man in Köln sagt. Die vielen Screnshots verlängern die Ladezeit, manche mögen nicht gerne scrollen oder haben sonst was zu nörgeln – man kann es unmöglich allen recht machen. Aber ich denke, dass eine eher schlichte, funktionale Referenzliste wie oben beschrieben ein guter Kompromiss und einfach praktischer ist. Wem meine Webseiten nicht gefallen – soll es ja geben – wird mich sowieso nicht buchen, egal, welche tollen Effekte ich zur Verwirrung der Kundschaft einsetze.

Erstaunlich finde ich, dass viele Webdesigner in ihren Leistungen auch „Usability“ anführen; eine verwirrende Referenzseite halte ich hingegen, siehe oben, nicht für besonders benutzerfreundlich – aber bitte, das ist nur meine bescheide, persönliche Meinung.

Und wie finden Sie meine Referenz-Seite? Haben Sie eine Idee, wie ich diese verbessern könnte? Ich habe die Weisheit nicht gepachtet und höre Ihnen gerne zu, wenn Sie eine Idee dazu haben…

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