Geschrieben von Christian Schnettelker

Nanny knows best

oder „Ich weiß, was Du tun willst, was Du tun solltest und was gut für Dich ist“

Vielleicht bin ich zu überempfindlich, aber im Netz und auch in der Software begegne ich zunehmend sogenannten „Assistenten“, ich nenne sie „Nannies“, die alles besser wissen, mich gängeln und das Leben schwerer machen, digitale Klugscheißer sozusagen. Immer mehr Programmierer von Webseiten und Software-Hersteller gehen anscheinend grundsätzlich davon aus, dass alle Benutzer schwachsinnig sind.

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Zuerst etwas Geschichte und zum Vater aller Klugscheißer: manche werden ihn noch kennen, Karl Klammer, ein in Form einer Büroklammer animierter „Hilfeassistent“ von älteren Office-Versionen eines uns allen bekannten Software-Herstellers. Er hatte die Eigenschaft, die Benutzer eben jenes Office-Paketes mit sinnfreien Kommentaren und vermeintlich nützlichen Hinweisen zu nerven und generell alles besser zu wissen. Karl verschwieg dabei leider immer eine entscheidende Frage, nämlich die, wie man ihn deaktiviert, um die Arbeit endlich ungestört fortsetzen zu können.

Natürlich benötigte der uns allen bekannte Software-Hersteller eine unglaublich lange Zeit, um das Offensichtliche zu erkennen; erst nach geschlagenen zehn Jahren und, nachdem Karl wahrscheinlich tausende in den Wahnsinn getrieben hat, wurde er 2007 endgültig beerdigt.

Die Formular-Nannies

Zurück ins Jahr 2014; bei einer kürzlichen Online-Bestellung durfte ich mich mit einem der modernen Besserwisser rumschlagen, diesmal heimtückisch in ein ansonsten harmloses Eingabeformular eingebaut. Auch hier ging der Programmierer wie selbstverständlich davon aus, dass der Benutzer gehirnamputiert und keinesfalls in der Lage ist, eine Lieferadresse korrekt anzugeben.

Folgender Sachverhalt: da mein Büro innerhalb des ETEC-Komplexes liegt gebe ich, damit die unterbezahlten Zusteller das Gebäude auch finden, seit Jahren die Anschrift wiefolgt an:

Kruppstr. 82 (ETEC gegenüber H5)

Es kam, wie es kommen musste, die im Formular eingebaute klugscheissende Nanny dachte sich, dass ich offensichtlich einer der Leute bin, welche zur Eingabe einer korrekten Adresse schlicht zu blöd sind – sie schnitt den beschreibenden und ihr unverständlichen Zusatz einfach kurzerhand ab. Aus meiner Adresse wurde also:

Kruppstr. 82

Der Nanny ist es dabei egal, das diese verkürzte Angabe bei der Zustellung bereits des Öfteren Probleme gemacht hat. Der Programmierer hat die Dame auch mit einer gewissen Hinterlist ausgestattet, sodass Tricks wie

Kruppstr. (ETEC gegenüber H5) 82 oder
Kruppstr. / ETEC gegenüber H5 / 82

nicht fruchteten, die Nanny wusste es jedes mal besser und verunstaltete die Adresse dann vollkommen. Zum Beispiel so:

Kruppstr. Etec Gegenüber H 5 8 2

Übrigens half ein Anruf beim Support auch nicht, eine einmal von der Nanny durcheinander gewürfelte Lieferanschrift kann später aufgrund irgendwelcher Sicherheitsvorschriften nicht manuell verändert werden, sei das Fehlverhalten auch noch so offensichtlich. Auch eine Deaktivierung der klugscheissenden Nanny war nicht vorgesehen, na dankeschön!

Letztlich habe ich zähneknirschend woanders bestellt, bei einer Firma, in der man nicht per se davon ausgeht, dass ich völlig vertrottelt bin.

Die Smartphone-Nannies

Nächstes Beispiel, Smartphone. Ab und zu überkommt es mich und ich muss mal wieder laut Musik hören. Dazu stecke ich das neudeutsch „Headset“ in mein neudeutsch „Smartphone“, worauf sofort eine eingebaute elektronische Spaßbremse aktiviert und die Lautstärke auf spießige Zimmerlautstärke reduziert wird.

Diese Nanny teilt mir dann per Einblendung mit, dass sie dies natürlich nur tat, um mein Gehör zu schützen – na dankeschön! Verärgert erhöhe ich die Lautstärke wieder bis zum Anschlag, worauf sie mir beleidigt in Form einer zweiten Einblendung mitteilt, dass eine dauerhaft hohe Lautstärke zu Gehörschäden führen kann. Achwas!

Lautstärke-Warnung
Das Spielchen geht jedes Mal von vorne los und lässt sich nicht deaktivieren, Nanny knows best, sie meint es ja nur gut. Es ist zum ko***n, was geht die Besserwisserin mein Gehör an? Warum darf ich mir dies nicht wegblasen, wann und wie ich das möchte?

Lustig sind auch recht merkwürdige Kurznachrichten, die ich ab und zu über das Smartphone erhalte. Nicht selten musste ich erst nachfragen, was gemeint war, um dann die Antwort „ups, das war die Rechtschreibkorrektur“ zu bekommen. In vielen Handys sitzt nämlich eine weitere oberlehrerhafte Nanny, welche Wörter, die sie nicht kennt, einfach und ungefragt anhand ihres beschränkten Wortschatzes austauscht.

Passt man nicht auf, was schnell passieren kann, wird der Satzsinn durch diesen altklugen Tausch vollkommen entstellt und die verrücktesten Missverständnisse entstehen. Die gute Nachricht ist: zumindest diese Nanny konnte ich in meinem Handy ausfindig und unschädlich machen.

Net-Nannies

Beim Surfen beobachten mich weitere Nannies, damit ich mich auch ja nicht auf irgendwelchen „gefährlichen“ Seiten rumtreibe und Sachen sehe, die ich keinesfalls sehen soll. So passiert bei meinem letzten Besuch eines Bekannten, der einen Mac sein Eigen nennt. Ich konnte unsere Webseite etomusik.de damit nicht ansteuert, diese steht aus irgend einem mir nicht ersichtlichen Grund auf der „Kindersicherungs-Liste“ und kann demzufolge laut der zugeknöpften Obstnanny nicht angezeigt werden.

Wer diese Liste pflegt und nach welchen Kriterien die völlig harmlose Seite dergestalt eingeordnet wurde, verschweigt die Firma wie immer in absoluter Selbstherrlichkeit - wir sind ja alle eine glückliche, zufriedene Apfel-Gemeinde. Wieder sagen wir da alle: Dankeschön! Wenigstens bin ich ja nicht gezwungen, mich in die Schaar der iSheeps einzureihen und habe hier auf meinem PC die Wahl, solche „Du bist doof, ich entscheide, was Du siehst“-Nannies gnadenlos rauszuschmeißen. Mal sehen, wie lange noch, Stichwort „Windows 10“.

Bei Facebook entscheidet übrigens auch jemand anderes, was Sie in Ihrem sogenannten „Newsfeed“ überhaupt sehen. Eine weitere Nanny beobachtet dort für Sie, mit welchen „Freunden“ Sie häufig kommunizieren und mit welchen eben nicht. Von Letzteren sehen Sie ggf. gar keine „Postings“, da die Nanny es auch hier besser weiß und Beiträge solcher vermeintlich „toten“ Freunde einfach nicht anzeigt.

Das kommt besonders gut, wenn Sie vielleicht mit einem alten Freund nicht mehr sehr häufig sprechen, es Sie aber trotzdem interessiert, was er so macht – Dankeschön an Facebook für diesen tollen Service!

Apropos, noch kann man vielleicht über diese ganzen Nannies lachen, aber der Schritt zu einer übermächtigen Zensur-Nanny, welche z.B. regierungskritische Seiten und „unangenehme“ Meinungen blockiert, ist dann auch nicht mehr weit. Spätestens dann wird vielen das Lachen vergehen, aber zu spät für einen Widerstand sein.

Computernutzer möchten nicht von aufdringlichen digitalen Besserwissern belehrt werden

Was für eine verrückte Welt, man scheint die Menschen wirklich für total bekloppt und lebensunfähig zu halten. Mir ist natürlich auch klar, dass viele der „Hinweise“ durch die amerikanische Klagekultur entstehen, man will einfach sichergehen, dass man nicht für einen vom Benutzer gemachten idiotischen Fehler verklagt werden kann.

Bekanntes Beispiel für diesen Wahnsinn ist der „Caution Hot“-Hinweis auf allen Kaffeebechern eines bekannten Fastfood-Anbieters aus Übersee oder die „Objects in the mirror are closer than they appear“-Hinweise in den Rückspiegeln amerikanischer Autos. Aber warum müssen wir jeden Schwachsinn aus Amiland in hündischer Unterwerfung mitmachen?

Wie auch immer, ich fühle mich von den zahlreichen Nannies gegängelt und möchte jeden Programmierer auffordern, diese Damen wennimmer möglich zu vermeiden oder, falls der Auftraggeber beratungsresistent ist, wenigsten schnell und einfach abschaltbar zu machen. Es gelten die alte Grundsätze der Software-Entwicklung: „Weniger ist mehr“ bzw. „KISS – Keep it small and simple“.

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