Geschrieben von Christian Schnettelker

Hilfe, ich werde immer älter…

Dies ist sozusagen die unfreiwillige Fortsetzung meines Artikels „Ich glaub‘, ich werd‘ alt“ vom September letzten Jahres. Wieder sind mir einige Dinge im Internet aufgefallen, über die ich nur noch ungläubig den Kopf schütteln kann.
Überwachungskamera
Wenn man sich in der umgebenden Welt immer mehr wundert – so wurde auch mir schon geraten – sollte man möglichst keine langfristigen Verträge mehr unterzeichnen und sich stattdessen Gedanken über ein ruhiges Pflegeheim und die Farbe der passenden Schnabeltasse machen.

Ganz soweit ist es bei mir noch nicht, diesmal dreht sich mein geriatrischer Exkurs um das Thema Überwachung.

Achtung! Feind hört mit!

Meine Oma hatte damals einen dieser riesigen 70er Jahre-Röhrenfernseher, praktisch unkaputtbare deutsche Wertarbeit. Das Ding mit massivem Holzrahmen verbrauchte eine Menge Strom, diente gleichzeitig sowohl als Heizkörper als auch als Bilderständer und konnte durch den analogen Antennenempfang nicht mehr als ARD, ZDF und West 3 mit oft verrauschtem Bild anzeigen – lange ist’s her.

Inzwischen ist meine Oma lange tot, der Röhrenfernseher entsorgt, statt drei kann man nun via Satellit oder Kabel digital mehrere hundert Programme in bester Qualität empfangen. Selbige haben sich allerdings, bis auf wenige Ausnahmen, inhaltlich nicht verbessert – im Gegenteil, wie heißt es so schön: „erst wurden die Fernsehr flach, dann das Programm“. Gut, dass meine Oma das heutige Unterschichten-Verblödungs-TV nicht mehr erleben musste.

Neu im Jahre 2015 ist, dass man, gut dreißig Jahre nach 1984, inzwischen tatsächlich vorsichtig sein sollte, was man im Wohnzimmer sagt. Psst! Feind hört mit! Denn die sogenannten „Smart-TVs“ zeichnen alles auf und leiten es direkt an Rechner des Herstellers weiter, wo geprüft wird, ob das Gesprochene irgendwelche Kommandos enthält.

„Sprachsteuerung“ nennt sich das. Toll! Diese neuartigen Geräte verlangen hochreligiöse Besitzer, denn dass sonst niemand mithört und dass die Daten nicht weiter ausgewertet werden wissen Sie nicht, das müssen Sie einfach glauben. Natürlich kann man die Spracherkennung ausschalten, auch hier weiß der Himmel, wie lange noch. Mir jedenfalls kommt so ein Teil nicht ins Haus.

Erkennungsdienstliche Behandlung

Eine erkennungsdienstliche Behandlung ist laut Wikipedia die Erfassung von personenbezogenen und biometrischen Daten einer Person durch die Polizei. In der Regel wird dabei mindestens ein Foto gemacht und Fingerabdrücke genommen. Sie kennen dass von anderer Stelle, dank des Sicherheitspakets II eines Otto Schily haben Sie bei der Beantragung eines neuen Ausweises schon lange nichts mehr zu lachen.

Da wir bekanntlich inzwischen in 2015 und im Jahr der Wiederkehr von Marty McFly leben gibt es zwar keine Hoverboards, fliegende Autos oder selbstschnürende Schuhe, dafür aber Smartphones. Besitzer der neuesten Geräte mit dem Obst-Logo beispielsweise erledigen die erkennungsdienstliche Behandlung inzwischen selber, freiwillig, auf eigene Kosten.

Zahlreiche Fotos sind jetzt schon bei Facebook hochgeladen und durch die dort laufende Gesichtserkennung „getaggt“ – für den Fingerabdruck besitzen die neuesten Telefone dieses Herstellers einen sogenannten „Fingerabdruckscanner“. Damit lässt sich das Ding entsperren und mit Ihrem Finger können Sie wohl demnächst den völlig überteuerten Café Latte bei S******ks bezahlen. Toll!

Allerdings sollten Sie auch bei diesem Gerät spirituell sein und stark an die Versicherungen des Herstellers glauben, dass die so erfassten biometrischen Daten a) das Gerät nicht verlassen und b) wenn sie es doch tun, nicht missbraucht werden. Tut mir leid, mein Glaube ist nicht so stark, auch diese Gerät kommen mir aus diesen und anderen Gründen nicht ins Haus, mögen sie mich auch noch so cool machen.

Salamitaktik

Übrigens, Hersteller-Aussage a) wird sich wohl schon bald erledigt haben, siehe „Fingerabdrücke sollen über die iCloud synchronisiert werden“. Zukünftige Geräte des Obstverkäufers und anderer Hersteller besitzen bald alle diesen Scanner und irgendwann wird das Ausschalten nicht mehr möglich sein, vielleicht sagt Ihnen das Wort „Salamitaktik“ etwas. Viele, mE viel zu viele machen begeistert mit, ist ja auch sooo praktisch.

Da merke ich wieder, dass ich alt werde, als ich jung und unschuldig war hätten sich die Leute diese systematische Erfassung und potentielle Überwachung auf eigene Kosten für lächerliche Vorteile nicht widerspruchslos gefallen lassen, siehe Volkszählung 1987. Man könnte meinen, dass dies das Ergebnis der systematischen Volksverblödung mittels Unterschichten-TV sei, dann wäre man aber automatisch ein neurechter, esoterischer Verschwörungstheoretiker und Reichsbürger, wer will das schon von sich sagen lassen?

Das Ganze wird, wenn sich kein nennenswerter Widerstand regt, immer weiter gehen: die Anzahl der bei S******ks getrunkener Café Latte ist dank Fingerabdruck mit Ihnen verbunden, wenn Sie dann noch zuviele Pizza-Salami bestellen und kein Abo bei einem Fitnesstudio haben könnte sich das in ein paar Jahren in höheren Krankenkassenbeiträgen und automatischer Werbung für Schlankheitsprodukte wiederspiegeln.

Wollen wird das? Ich nicht, aber dazu bin ich sowieso zu alt und geistig umnachtet.

Wanze ab Werk

Neu im McFly-Jahr 2015 ist auch, dass sich die allseits bekannte NSA, die es bis vor ein paar Jahren gar nicht gab („No such agency“, siehe Verschwörungstheorie), ein Plätzchen innerhalb der Firmware praktisch aller Festplatten reserviert hat. Toll! Da können Sie Ihre Festplatte noch so oft formatieren, dem „Schadcode“ des Dienstes des mit Deutschland verbündeten und befreundeten Landes kann das gar nichts anhaben.

Wer solche Freunde hat, brauch vielleicht gar keine Feinde mehr. Aber was sollten wir auch dagegen tun, unsere Bundeswehr kämpft mit schwarz angemalten Besenstielen und ein Großteil der Ausrüstung ist sowieso ständig kaputt. Selbst wenn Sie ausrücken würden käme diese „Armee“ dank verschlissener Straßen und und maroder Brücken nicht weit.

Aber zurück zur NSA und ihrem Festplatten-Code, offiziell ist nicht zu erfahren, wie dieser aktiviert wird und was er bewirkt – gehen Sie aber einfach einmal davon aus, dass er zur Überwachung der auf der Festplatte gespeicherten Daten dient. Vielleicht reicht es irgendwann einmal, eine gewisse Kombination von Worten abzuspeichern und sie bekommen früh morgens zwischen 4 und 5 Uhr Besuch.

Hatten wir das nicht schonmal? Quatsch, alles Verschwörungstheorien. T’schuldigung, ich bin verwirrt, geriatrische Probleme – man merkt einfach, dass ich alt werde…

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