Geschrieben von Christian Schnettelker

Ein Tag im Leben eines Webdesigners

In der Folge „Regie: Al Bundy“ der „Schrecklich netten Familie“ dreht Al einen Film über sein Leben als Schuhverkäufer. Zwar verkaufe ich keine Damenschuhe und habe auch keine grundsätzlichen Probleme mit korpulenten älteren Frauen, die kürzlich wieder gesehene Folge hat mich aber doch inspiriert, einmal einen Tagesablauf zu protokollieren und hier darzustellen:

9:30 Uhr

Noch bevor ich einen zweiten Kaffee getrunken, alle Emails gelesen und die Nachrichten überflogen habe schellt das Telefon. Eine Dame (möglicherweise auch korpulent) fragt mich, ob ich Webdesigner sei, Sie benötigt „umgehend“ eine neue Webseite. Was würde das kosten?

Auf meinen freundlichen Hinweis, dass ich bis Oktober diesen Jahres ausgebucht bin, dies auch auf meiner Internetseite vermerkt ist, auf der sich dann auch ein hilfreicher Preisrechner befindet, reagiert sie echauffiert. Sie könne, so die eilige Dame, unmöglich erst einmal die ganzen Seiten lesen, dazu hätte sie keine Zeit.

Da das Projekt „schnell und ohne nachzudenken“ realisiert werden soll beendet sie kurzerhand das Gespräch. Ehrlich gesagt bin ich froh, weder sie als Kunden zu haben noch morgens neben ihr aufwachen zu müssen.

10:30 Uhr

Ich beschäftige mich mit der Team-Seite einer Praxishomepage. Diese Seiten sind meist knifflig, da oft unterschiedliche lange Zusatzinformationen zu den Personen untergebracht werden sollen. Bei längeren Vitas lege ich idR eine Unterseite an, die per Klick auf das Bild aufgerufen wird, manchmal gibt es dann aber auch nur ein paar Wörter, wo der Aufwand zu groß wäre.

Dies alles unter einen Hut zu bringen, ist oft nicht einfach. Dazu kommt die bereits unter „Ärgern Sie Ihren Webdesigner“ beschriebenen Schwierigkeiten, Stichwort „Schwester Maria Theresia und Schwester Theresia Maria“. Hier sind es aber nur sechs Personen und die Bilder ausnahmsweise sogar beschriftet, der Aufwand ist also noch erträglich und die Seite überraschend schnell fertig.

12:00 Uhr

Einige Emails vom Vortag warten auf meine Beantwortung. Darunter die eines Autors, der ein E-Book mit dem Titel „Homepage selber bauen“ veröffentlicht hat. Ich soll mir dieses Buch nun einmal anschauen und ggf. in meinem Blog dafür (kostenlos) werben. Vorstellungen haben manche Leute… hier meine Antwort:

Sehr geehrter Herr XXXXXXXXXXXXX,
danke für die Anfrage. Leider muss ich Sie enttäuschen, aus drei Gründen:

1. Als Dienstleister bin ich natürlich erst einmal nicht unbedingt davon begeistert, dass potentielle Kunden sich ihre Seite selber „basteln“. In einer arbeitsteiligen Wirtschaft fährt man mE meist besser damit, wichtige Dinge – und dazu zählt für mich eine vernünftige Homepage – den Experten zu überlassen. Ich operiere daher zB dem Schwager den Blinddarm nicht selber heraus.

2. Habe Ihr E-Book einmal überflogen, dieses berücksichtigt leider in keiner Art und Weise Fragen zur Suchmaschinenoptimierung. Als Laie kann man hier viel falsch machen, selbst viele angeblich professionelle Webdesigner zeigen hier große Wissenslücken. Ohne eine zumindest grundsätzliche Optimierung ist eine Seite heute bei der starken Konkurrenz aber praktisch nicht auffindbar und damit zumindest aus geschäftlicher Sicht nahezu wertlos. Für eine gute SEO braucht es Jahre der Erfahrung, die eine Privatperson nicht haben kann und die man einkaufen sollte, siehe 1.

3. Ihr E-Book mag für Privatpersonen, die eine private Homepage basteln wollen, interessant sein, dies ist aber nicht meine Zielgruppe. Ich arbeite für kleine bis mittlere Firmen, Ärzte, Rechtsanwälte etc.. Wer von diesen Geld mit einer selbst erstellten Homepage sparen möchte spart mE am völlig falschen Ende.

Besten Gruß
Christian Schnettelker

Meist hört man dann nichts mehr von diesen Leuten, ist aber auch besser so.

12:30 Uhr

Telefongespräch mit einem sehr netten Arzt, es geht um eine zu erstellende Praxishomepage und die Domainwahl. Wir diskutieren die Pros und Contras, er hat bereits mit der KV Rücksprache gehalten wegen eines befürchteten „Alleinstellungsmerkmals“, Stichwort „Tauchschule Dortmund-Urteil aus 2003″.

Der sympathische Doktor möchte im Impressum vorsorglich einen klärenden Hinweis einsetzen – „kein Problem, liest ja sowieso niemand“ denke ich mir insgeheim. Bei dem ganzen Rechts-Wahnsinn bin ich froh, kein Anwalt zu sein, vorsorglich betone ich das aber in solchen Fällen auch immer nochmal, damit mir niemand einen Strick aus einer angeblichen „Rechtsberatung“ drehen kann.

Aber ein insgesamt sehr nettes, fruchtbares Gespräch – ich wollte, das wäre öfters so.

12:58 Uhr

Heute ist Frauentag, ich beantworte einen Blog-Kommentar, eine Dame hat eine Geschäftsidee zu einer „boomenden“ Trendsportart aus USA. Super, sie hat eine Idee, sie brennt voller Engagement, nur eines hat sie nicht: Geld.

Besagte kommentarscheibende Dame denkt nun vielleicht, dass ich für Gottes Lohn arbeite und boomende Trendsportarten oder das Amiland unheimlich toll finde – in allen Fällen hat sie sich allerdings schwer geirrt. Der Höflichkeit halber beantworte ich den Kommentar trotzdem mit ein paar Allgemeinplätzen, die sich die mittellose Frau sicher auch hätte selber denken können.

13:15 Uhr

Nochmal Thema Geld, ein Kollege ruft mich entrüstet an, ein bekannter großer deutscher Elektrohändler verlangt von ihm 5 Cent für eine Plastiktüte, obwohl er für 99 EUR einen Rasierer dort gekauft hat. Das wäre jetzt, so der Elektrohändler, Gesetz, eine EU-Verordnung.

Natürlich hat mein Kollege, der soweit mir bekannt mit Abstand „schrappigste“ Mensch unter Gottes Sonne, keine 5 Cent für die Tüte bezahlt und wird in den kommenden Tagen mindestens einem Dutzend Leuten von dieser EU-Frechheit erzählen.

Dann brach allerdings das Gespräch (wieder mal) ab, da er in seinem Geiz ein so billiges „Phuyuck“-Chinahandy gekauft hat, dass man ihn allgemein nur schwer versteht und der Akku ständig ausfällt. Leute gibts…

13:30 Uhr

Mittagspause, ich stochere in einem „diätösen“ Fertigsalat mit „Caesar-Dressing“ und lese online einige Nachrichten. Aha, unsere Perle aus der Uckermark lässt sich mal wieder von den schlauen Griechen und der NSA am Nasenring durch die Manege ziehen – zum Fremdschämen.

Das ganze Euro-Drama wäre eigentlich insgesamt richtig komisch; mir bleibt allerdings allzu oft das Essen im Hals stecken, da wir als Steuerzahler und damit ich ganz persönlich später die Rechnung für den vor mir nicht bestellten griechischen Bauernsalat präsentiert bekomme. Wie früher bei der Bundeswehr: „Y-Reisen – wir buchen, Sie fluchen!“.

Und hinsichtlich NSA wundert mich schon lange gar nichts mehr, ich gehe davon aus, dass jede Email, jedes WhatsApp-Nachricht, jedes Fax und auch jedes Telefongespräch ausnahmslos seit Jahren durch die gewaltigen Rechner dieser „Agency“ läuft.

Unsere „Volksvertreter“ sind anscheinend nur deshalb überhaupt aus ihrem Dornröschenschlaf aufgewacht, weil es sie diesmal selber betrifft. Ändern wird sich garantiert nichts, wer hier „die Hosen anhat“ sollte auch der Dümmste inzwischen kapiert haben.

14:00 Uhr

Nehme die letzten Feinjustierungen am neuen Blog des Webauftritts unter oberflaeche.com vor. Da ich erstmals einen Blog nicht in WordPress, sondern mit Joomla-Boardmitteln realisiere, gibt es zahlreiche neue kleine, fiese Fallstricke und Schwierigkeiten, die ausgeräumt werden wollen. Sowas kann unheimlich lange aufhalten.

15:00 Uhr

Höre Musik, z.B. diese hier:

Es gibt sicher Schöneres, als bei diesem Sommerwetter im Büro zu sitzen. Leider habe ich feste Zusagen gegeben und pflege auch, diese einzuhalten. Beides geht halt nicht, Geld verdienen und am Badesee liegen.

15:30 Uhr

Ich lösche SPAM-Emails, so ca. einhundert. Alleine 70 davon mit der Überschrift „Sie brauchen nur 15 Minuten, um für die Nacht der Liebe vorzubereiten“. Was die wohl damit meinen?

16:00 Uhr

Da das Quartal vorbei und der 10. des Folgemonats erreicht ist komme ich leider nicht umhin, mich um die ungeliebte Umsatzsteuervoranmeldung zu kümmern. Zuerst wird die diebische Elster-Software angeworfen, welche ganze 20 Minuten braucht, um neue Updates aus dem Netz zu ziehen – ungefähr vier mal länger als eine der üblichen Windows-Updates.

Naja, das deutsche Steuerrecht ist halt wahnsinnig kompliziert und jeder Versuch, es zu vereinfachen, scheitert regelmäßig mit der Folge, dass es danach nur noch komplizierter wird.

Bis ich alles für die zwei Firmen zusammengetragen habe vergehen geschlagene drei Stunden, vertane Zeit, die ich lieber anders genutzt hätte. Das Ausfüllen dieser verwirrenden, potthässlichen Formulare 4x im Jahr, die Jahreserklärung im Mai und der Schock über die Nachzahlung im August ist wohl der Preis der Selbstständigkeit.

19:00 Uhr

Für heute soll es genug gewesen sein, morgen geht es weiter. Ich muss an Al Bundys Lebensweisheit denken: „Gott ist eine dicke Frau, die in meinem Laden Schuhe gekauft hat“. Vielleicht ist da wirklich etwas Wahres dran…

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Kommentare

Kommentare

  1. Markus schrieb:

    Danke für diesen Blog und die vielen lesenswerte Artikel, vor allem zum Thema Suchmaschinenoptimierung!

  2. Peter schrieb:

    Griaß di Christian;

    Also ich muss jetzt wirklich mal einen Kommentar hier lassen. Ich bin vor Monaten mal zufällig hier gelandet und musste von Anfang an Lachen bei deinen Beiträgen – ich finde die Artikeln einfach toll – ich mag diese Art zu schreiben.

    Aber was mir noch viel mehr imponiert ist, dass du sooooo Recht hast – mir geht’s täglich ähnlich und ich finde mich in fast all deinen Artikeln wieder.

    Grüße aus den Bergen, Peter

  3. Andreas Jantke schrieb:

    Hallo Christian,

    sehr amüsant geschriebener Blogeintrag. Genau mein Humor ;-)
    Ich werde wohl demnächst öfters mal hier reinlesen.

    LG
    Andy

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