Geschrieben von Christian Schnettelker

Schlagwörter:

Aufruhr in Rotmond

Ich möchte heute eine kleine Geschichte aus dem schönen Rotmond erzählen. Rotmond ist eine Stadt in einem fernen Erdteil, in jenem Land, dass sich einige Besucher einstmals kurzentschlossen von den dortigen Ureinwohnern im Tausch gegen wertlose Glasperlen besorgt hatten. Gut, einige der damaligen Ureinwohner waren mit dem Tausch gar nicht einverstanden und wurden kurzerhand einen Kopf kürzer gemacht, aber das ist eine andere, traurige Geschichte.
Es war einmal

Hoch über den Wolken…

In mitten von Rotmond erhebt sich seit über zwanzig Jahren ein imposanter, neuerdings bunt gekachelter Elfenbeinturm mit vielen Fenstern, in dessen Spitze seit kurzem eine kindische Kaiserin, allerdings ohne güldenes Haar, als „Produktchefin“ eingezogen ist. Von hier aus werden die Bewohner von Rotmond regelmäßig mit neuen Produkten beglückt, insbesondere mit mannigfaltigen Programmierungen für deren Rechenmaschinen.

Hoch über den Wolken feierte man sich lange Zeit selber, warf viel Taler und Kreuzer für völlig verrückte Dinge aus allen möglichen Fenstern hinaus und fühlte sich unbesiegbar. Man wurde über die Jahre schließlich so abgehoben von den Wünschen und Bedürfnissen des Volkes, wie es bei uns nur jene Politiker sind, die immer noch glauben, eine Gemeinschaftswährung für gänzlich unterschiedliche Volkswirtschaften wäre eine tolle Idee – aber auch das ist eine andere, traurige Geschichte.

Leider hatten die Herrscher von Rotmond seit langem ein Problem, man verdiente zwar eine Menge Geld und ihre Produkte waren manchmal sogar recht praktisch, wenn sie denn funktionierten, aber sie waren nie so richtig „cool“. Neidisch schauten sie vom Elfenbeinturm auf das benachbarte kleine, diktatorisch geführte Apfelland hinüber, deren wohlgestaltete Rechengeräte und neuartige, bewegliche Kommunikationsvorrichtungen hauptsächlich von einem absonderlichen Alchemisten mit Nickelbrille und schwarzen Rollkragenpullover erdacht und vom Volke frenetisch gefeiert wurden. Jahrelang versuchte man im Elfenbeinturm von Rotmond mit allen Mitteln, auch endlich einmal dergestalt cool zu sein, jedoch immer ohne Fortüne.

Daher beschlossen die Herrscher, nachdem man allerlei okkulte Hellseher, Wahrsager und Magier befragt hatte, eines dunklen Tages, dass sich nun alles in Rotmond ändern werde. Das wackere Volk solle innehalten und fortan seine Rechenmaschinen zur Gänze anders nutzen, als bislang gewohnt. Man erklärte bewährte Hilfsmittel wie Tastaturen und Zeigergeräte kurzerhand für ein Werk des Teufels und brachte eine neuartige Version des geliebten – oder wenigsten gewohnten – Rechenmaschinen-Steuerungssystems heraus. Dieses, so die Weisung aus dem Elfenbeinturm, sei fortan von jedermann nur noch über einen berührungsempflindlichen Sichtschirm zu bedienen.

Man nervte das Volk von Rotmond mit zahlreichen, lautstarken Marktschreiern, die unablässig die neuen, zukunftsweisenden Eigenschaften priesen und nannte das jetzt endlich coole Produkt „Acht“. Jedes neue Rechengerät musste fortan, unter Androhung hoher Strafen, mit „Acht“ verkauft werden, wie es in Rotmond seit langem üblich war.

Ein undankbares Volk

Doch die Laune der kindischen Kaiserin im Elfenbeinturm wurde alsbald getrübt, als ihr Lakaien zerknirscht die Kunde zutrugen, dass das gemeine Volk aufbegehre. Es hatte nicht, wie erwartet, wohlgemut alle vorhandenen Rechengeräte samt Zubehör hinfort geworfen, freudig die Kaufmannsläden gestürmt und fortan nur noch mit „Acht“ und den vortrefflichen, berührungsempfindlichen Sichtschirmen gearbeitet.

Weit gefehlt, ein Großteil der gebeutelten Untertanen in Rotmond wagten es in frevelhafter Weise, wie gewohnt mit Tastatur, Zeigergerät und einer der nun geächteten Vorgängerversionen weiterhin ihr Tagwerk zu vollbringen. Im Volk machte sich zudem vermehrt Unmut über „Acht“ und dessen verwirrendes Bedienungskonzept breit, manche forderten sogar, dass man den Verantwortlichen im Elfenbeinturm die Köpfe zwischen die Beine legen möge.

Märchenbuch
Die kindische Kaiserin mit ohne güldenem Haar war über die Undankbarkeit des Volkes sehr erzürnt, wer hatte dem Volke denn bitteschön die Gunst einer oppositionelle Meinung gewährt? Das war gegen die gottgegebene Ordnung! Wo kommen wir denn da hin?

Nun konnte sie aber nicht, wie es die Vorfahren taten, die Ketzer zum hochnotpeinlichen Verhör einbestellen oder als vom Satan besessene auf dem Marktplatz von Rotmond rädern und im Feuer läutern lassen – die Zeiten hatten sich dummerweise geändert. Geschwind wurde ein gedungener Lakai vorgeschickt, dieser sprach mit mildem Ton zum Volke, um es zu besänftigen:

Wir haben erkannt, dass es heute noch viele Geräte ohne Touch-Display gibt – vor allem im kommerziellen Bereich

Die Hinterlist

Gleichzeitig ersonn man im Elfenbeinturm eine üble, garstige Hinterlist: wenn der Pöbel das neue, coole „Acht“ nicht so annimmt, wie man es in völliger Verkennung der Realität geplant hatte, müsse man halt ein paar Kleinigkeiten zum Schein dergestalt ändern, wie sie in den beliebten bzw. zumindest bekannten Vorgängerversionen waren, um den Zorn des Mobs zu mildern. Man führte zur Täuschung in „Acht.1″ einfach gewisse Eigenschaften wieder ein, ohne aber dass diese die bekannte und vom Mob erheischte Funktionalität hatten. Zugleich drohte die Herrscherin dem unzufriedenen Volk mit den Worten:

Wir haben gerade erst angefangen!

was dem Pöbel unmissverständlich verdeutlichen sollte, das man gedenkt, den einmal eingeschlagenen Weg, möge er noch so ein Irrsal sein, notfalls bis zur völligen Zerstörung von Rotmond weiter zu gehen. Herolde wurden in alle Welt ausgesandt um die frohe Kunde an das darbende Volk zu überbringen, gnädig würde man in Bälde diese neue, vielfach bessere Version wohlfeil verteilen…

Wie geht es weiter?

Wir können heute leider noch nicht sagen, wie die Geschichte in Rotmond weitergehen wird. Wagt es der Pöbel, die realitätsfernen Überlegungen der abgehobenen Elite im Elfenbeinturm fortwährend zu boykottieren? Werden die Einwohner entnervt und in Scharen in das kleine, diktatorische Apfelland auswandern, wo alle Bewohner zwar unheimlich cool sind, aber immerfort schwarze Rollkragenpullover tragen müssen?

Wird die kindische Kaiserin millionenfach hölzerne Armstützen in den Manufakturen von Rotmond herstellen lassen, damit das Volk endlich acht Stunden lang einen der segensreichen, berührungsempfindlichen Sichtschirmen bedienen kann? Fortsetzung folgt…

Kommentare

Kommentare

Kommentar schreiben

Allgemeiner Hinweis: Bitte kommentieren Sie zum Thema unter Vermeidung von Allgemeinplätzen. Eine gute Rechtschreibung sollte selbstverständlich sein.

Hinweis für SEO-Kommentarschreiber: alle Links sind nofollow und steigern Eure Linkpopularität nicht. Offensichtliche SEO-Kommentare werden nicht oder in anonymisierter Form veröffentlicht.